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Reksoft  |  March 15, 2007

Russlands Softwarefirmen setzen auf westliche Markte

Gerit Schulze
BFAI, March 15, 2007

Software aus Russland? Bei diesem Gedanken fallen den meisten Deutschen eher ungeliebte Spam-Mails und laestige Viren auf dem PC ein. Doch die Realitaet sieht heute ganz anders aus. Das riesige Land im Osten ist auch im IT-Sektor auf dem Weg zu einer Grossmacht. Russlands Softwarebranche entwickelt sich allmaehlich zu einem wichtigen Anbieter von Programmierdienstleistungen fur westliche Unternehmen.

Kaum ein aktuelles Betriebssystem wurde ohne die Mitarbeit russischer Programmierer funktionieren. Waehrend Anfang der 1990er Jahre noch ein gewaltiger Brain-Drain durch die Abwanderung hochqualifizierter Softwarespezialisten nach Europa oder in die USA stattfand, produzieren inzwischen immer mehr russische Unternehmen IT-Loesungen fur westliche Auftraggeber. Selbst der Deutsche Bundestag setzt heute auf Antiviren-Software made in Russia. Daneben wird der Binnenmarkt interessanter, da inzwischen auch kleine russische Unternehmen den Wert von Software-Unterstuetzung fuer optimale Geschaeftsablaeufe erkennen.

Fuehrende internationale Konzerne richten verstaerkt eigene Entwicklungsabteilungen in Russland ein. So hat Hewlett-Packard Anfang Januar 2007 in Sankt Petersburg ein Softwarelabor eroffnet, in dem 40 Spezialisten Datenverarbeitungs- und Suchsysteme fur Grossunternehmen programmieren sollen. In der Newa-Metropole lassen bereits Intel, NEC, Siemens, Motorola, Sun und Google an neuen IT-Loesungen tuefteln.

Trotz aller Wachstumsdynamik spielt der IT-Sektor in Russland insgesamt noch eine untergeordnete Rolle; sein Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt lediglich bei 1,5%. Allerdings wird dieser Wert in Zukunft ansteigen, da die Wachstumsraten von Soft- und Hardware-Unternehmen durchweg hoeher sind als der BIP-Zuwachs.

Programmierbranche verzeichnet zweistellige Zuwaechse

Nach Angaben des Research- und Consultingspezialisten IDC Russia hatte der Binnenmarkt fur IT-Dienstleistungen 2005 ein Volumen von 2,43 Mrd. US$. Bis 2010 werden jaehrliche Steigerungen um 25% auf 7,3 Mrd. US$ erwartet. Deutsche Unternehmen wie SAP oder die Software AG machen bereits gute Geschaefte im Land. So hat die Software AG nach Angaben von Vorstandsmitglied Alfred Pfaff ueber 100 Kunden vor Ort, unter anderem die Praesidialverwaltung, Gazprom und Aeroflot. Doch das Unternehmen vergibt auch Programmierauftrage nach Russland.

Groesster Vorteil sind dabei die im Vergleich zu Deutschland niedrigeren Loehne. Zwar seien die Stundensaetze in Indien noch viel geringer. "Doch russische Programmierer koennen mehr Komplexitaet verarbeiten", nennt Pfaff einen wichtigen Pluspunkt. Ausserdem spreche die geografische und kulturelle Naehe fuer Russland. Es sei ein Unterschied, ob man nur zwei Stunden nach Moskau fliege oder zehn Stunden nach Indien.

IT-Outsourcing nutzt Kostenvorteile und Innovationsvorsprung

Wie das Ministerium fur Informationstechnologien und Telekommunikation mitteilte, hat Russland 2006 IT-Dienstleistungen fur 1,8 Mrd. US$ exportiert, ein Plus von 80% gegenueber dem Vorjahr. Nach Indien und der VR China ist Russland heute der weltweit drittgroesste Standort fur IT-Outsourcing. Das Consulting-Unternehmen NeoIT schaetzt, dass die Offshore-Industrie 2007 um 40 bis 50% wachsen wird. Mit seinen gut ausgebildeten IT-Spezialisten und den relativ niedrigen Lohnen werde Russland 2007 zu einem bevorzugten Standort fur die Entwicklung von ausgereifter High-End-Software, heisst es in einer Studie von NeoIT.

Das sieht Walentin Makarow vom Software-Verband Russoft genauso: "Russlands Programmierer koennen Europa helfen, konkurrenzfahig zu bleiben." Bislang gehen aber 41% aller russischen Software-Exporte in die USA, nur 19% entfallen auf Europa. Um die Exportquoten zu erhoehen, richten immer mehr russische Softwareschmieden Servicegesellschaften im Ausland ein. Zu Jahresbeginn 2007 hat die Sankt Petersburger Firma Reksoft ein Buero in Munchen eroffnet, um "naeher an den deutschsprachigen Kunden zu sein", wie das Unternehmen mitteilte. Die Softwarefirma erwirtschaftet 70% ihres Umsatzes ausserhalb Russlands und beliefert unter anderem Fujitsu Siemens Computers, T-Systems und Swisscom Mobile.

Die russische Regierung unterstuetzt die Exportanstrengungen der heimischen IT-Firmen durch ihre Steuerpolitik. Zum 1.1.2007 sind Sonderregelungen im Steuerrecht fuer russische Unternehmen in Kraft getreten, die schwerpunktmassig im Bereich IT-Outsourcing arbeiten. Fuer diese Unternehmen ist ein Wahlrecht vorgesehen, demzufolge die Anschaffungskosten fur EDV-Technik entweder unmittelbar als Aufwand in einem Betrag (analog zu Anschaffungskosten fuer geringwertige Gueter) oder wie bisher ueber die Abschreibungsdauer steuerlich geltend gemacht werden konnen. Bei der Zielgruppe fuer diese Regelung handelt es sich um in Russland ansassige Unternehmen, die in den Bereichen Entwicklung und Vertrieb, Anpassung, Optimierung, Modifizierung, Implementierung, Inbetriebnahme und Begleitung von Datenbank-, Software- oder sonstigen IT-Produkten taetig sind. Damit die Regelung nicht missbrauchlich genutzt wird, darf sie ausschliesslich von Unternehmen in Anspruch genommen werden, die mindestens 90% ihrer gesamten Einkuenfte aus diesen Taetigkeiten erwirtschaften. Darueber hinaus sollen mindestens 70% ihrer Einkuenfte aus Auftragen von im Ausland ansaessigen Personen stammen. Die durchschnittliche Anzahl der Beschaftigten pro Jahr darf zudem nicht unter 50 Personen liegen. Zuletzt ist Voraussetzung, dass das Unternehmen staatlich akkreditiert ist und darueber eine Bescheinigung vorliegt. Alle Kriterien mussen kumulativ erfullt werden.

"Im Unterschied zu US-Unternehmen sind deutsche Firmen aber noch sehr zuriickhaltend bei der Auslage-rung von IT-Geschaftsbereichen", erklart Reksoft-Sprecherin Swetlana Wronskaja. Das liege zum Teil auch am schlechten Image Russlands. "Wir verbringen viel Zeit damit, den Kunden zu erklaren, dass es unge-fahrlich ist, hierher zu reisen und mit uns Geschafte zu machen".

Tatsachlich hat das Ansehen Russlands zuletzt durch politische und wirtschaftspolitische Ereignisse arg gelitten. Wer seine Geschaftsdaten fremden Programmierern uberlasst, muss Vertrauen in die Software-unternehmen haben. Fur die groBen russischen Anbieter, die bereits mehrere westliche Kunden als Refe-renz vorweisen konnen, ist das kein Problem. Schwieriger wird der Sprung auf den westlichen Markt fur kleine Unternehmen, die zunachst eine Menge Skepsis bei potenziellen Auftraggebern abbauen mussen.

Schutz von Urheberrechten verbesserungsbediirftig

Das Negativimage des Landes wird durch den geringen Schutz von Urheberrechten befoerdert. Nach Angaben von IDC sind durchschnittlich ueber 71% der in russischen Unternehmen genutzten Software nicht lizenziert. Bei den Heimanwendern liegt dieser Anteil sogar bei 87% und erreicht damit Werte wie in der VR China. Die Regierung bekraeftigt immer wieder, die Produktpiraterie aktiver bekaempfen zu wollen. "Wenn wir fur anderthalb Milliarden US-Dollar Software exportieren, haben wir selbst ein starkes Interesse am Schutz der Urheberrechte", sagt zum Beispiel Oleg Bjachow, der im IT- und Telekom-Ministerium zustaendig ist fuer den Aufbau einer Informationsgesellschaft. Doch in der Praxis ist es bislang kaum zu Verbesserungen gekommen.

Immer mehr Auf trage kommen aus dem Inland

Neben dem Exportgeschaeft spielt dank der guten Konjunktur im eigenen Land auch der Binnenmarkt eine zunehmend wichtige Rolle fur Russlands Programmierer. Besonders viele Softwareauftrage vergeben Handelsunternehmen, Banken und der staatliche Sektor. Viele Behoerden polieren ihr Image auf und bieten jetzt IT-gestuetzte Dienstleistungen an. So nimmt der Foderale Zolldienst Steuererklarungen in elektronischer Form entgegen und bearbeitet diese sogar schneller als die Papiervariante. Infolge der Nationalen Prioritatsprojekte "Gesundheit" und "Bildung" werden ausserdem neue Softwareloesungen fur Schuelen oder Krankenhaeuser nachgefragt. Auf Staatsauftraege entfallen laut Branchenexperten bis zu 20% des russischen IT-Marktes.

Besonders Banken, Energie- und Rohstoffunternehmen setzen auf Programme zur Ressourcenplanung (Enterprise resource planning - ERP) aus russischer Feder. Kleinere Firmen bevorzugen hier ohnehin die einheimische Software, weil sie haeufig weniger komplex und damit einfacher zu bedienen ist als westliche Produkte von SAP oder Oracle.

Viel Wachstumspotenzial bietet das Online-Banking, das in Russland bislang kaum verbreitet ist. Auch E-Commerce sollte mittelfristig den Durchbruch schaffen, schliesslich surfen inzwischen 25 Millionen Russen regelmassig im Internet. So hat das russische Softwarehaus Epam fur die Fluggesellschaft Sibir ein elektronisches Buchungssystem entwickelt, damit Kunden die Flugtickets online kaufen konnen.

Starke russischer Softwarehauser sind Kundenspezifische Loesungen

Die Staerke der russischen Softwareschmieden sind immer noch massgeschneiderte, individuelle Loesungen fuer einzelne Kunden. Komplette Standardprogramme mit einem grossen, potenziellen Kundenkreis bilden eher die Ausnahme. Zu diesen gehoren Anti-Viren-Software (z.B. Kaspersky Lab), Texterkennung (Abbyy) oder PC-Spiele (Nival). Auch bei speziellen Buchhaltungsprogrammen, die Kenntnisse der russischen Rechnungslegung verlangen, sind russische Hersteller im Vorteil.

Probleme: Fachkraefteknappheit und Vorfinanzierung von Auftraegen

Wie viele andere Branchen klagen Russlands Softwareunternehmen ueber Personalmangel. Die Ausbildung in den staatlichen Bildungseinrichtungen entspreche nicht den Anfoerderungen der Softwarehersteller, kritisiert Russoft-Praesident Makarow. "Die Industrie verlangt nach komplexen Loesungen, die mathematische Kenntnisse erfordern. Das bringen die meisten Uni-Absolventen nicht mit." Viele Unternehmen muessten ihre Mitarbeiter daher auf eigene Kosten weiterbilden.

Die knappen Personalressourcen lassen die Gehaelter in der Softwarebranche weiter ansteigen. Laut dem Unternehmen HeadHunter verdienen Programmierer derzeit durchschnittlich 1.400 US$ pro Monat in Sankt Petersburg und 1.700 US$ in Moskau. Gehalter machen nach Angaben des Luxoft-Geschaftsfiihrers Dmitrij Loschtschinin rund 60% der Ausgaben eines Softwareunternehmens in Russland aus. Reksoft hat an seinem Standort Sankt Petersburg nach eigenen Angaben bislang keine Personalnot. "Russland ist gross. Wenn wir neue Fachleute brauchen, finden wir sie in den Regionen und holen sie zu uns", erklart Sprecherin Wronskaja.

Ein Problem bleibt die Vorfinanzierung von Programmierauf tragen. Da russische Banken gerade fur kleine und mittlere Unternehmen selten als Kreditgeber zur Verfuegung stehen, brauchten die Softwarehauser Kapital aus anderen Quellen. Immerhin will Russlands Regierung noch im Fruhjahr 2007 einen Investitionsfonds fur einheimische IT-Firmen aus der Taufe heben und mit 100 Mio. US$ ausstatten. Der Fonds soll sich an innovativen Start-ups beteiligen und konkrete Projekte finanzieren. Auch die Griindung von IT-Parks, in denen Infrastruktur und Steuervorteile geboten werden, kommt allmahlich in Gang. Zu Jahresbeginn 2007 ist zudem ein Gesetz in Kraft getreten, das einheimischen Softwarefirmen geringere Steuer- und Sozialabgaben verspricht. Ueber die praktische Anwendung besteht aber noch Unklarheit, berichten Branchenvertreter.

     

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